„du bist alles was ich bin
alles was durch meine Adern fließt“

 

 

Ich starre in die Nacht. Im Hintergrund singt Bill leise, begleitet nur von Tom auf seiner Gitarre. Tom, seinem Zwilling. Der Gedanke daran das Bill mit seinem Zwilling glücklich sein darf treibt mir wieder die Tränen in die Augen. Es ist so unfair.

Ich weiß nicht warum ich mich damit quäle und immer wieder dieses Lied höre das mich an endlose Nächte voller Versprechen und Träume erinnern. Nächte in denen „in die Nacht“ als Endlosschleife aus dem CD-Player geklungen ist. Nächte in denen wir stumm aneinander gekuschelt den funkelnden Sternenhimmel beobachtet haben der über uns durch das Dachfenster gestrahlt hat. Nächte in denen wir kichernd in deinem Bett gelegen sind und Pläne geschmiedet haben. Für später. Und immer wieder unser kindisches Ritual bevor wir endgültig eingeschlafen sind und du schon schläfrig gesagt hast „Lena, YMS“ und meine nicht minder schläfrige Antwort „LMT, Nike“. Kindisch, aber für uns von großer Bedeutung.

You’re my soul – love my twin


 

Das Lied wird plötzlich mitten im Refrain gestoppt. Ich merke wie jemand hinter mich tritt und mir die Hand auf die Schulter legt.

„Du solltest endlich schlafen, Lena.“ Brummt Chris, mein großer Bruder, hinter mir.

„Ich kann nicht.“ Flüstere ich.

Mit sanfter Gewalt werde ich umgedreht und blicke in sein Gesicht. Er sieht mir ähnlich, die gleichen Lippen, dieselbe Augenfarbe. Aber er ist nicht du! Er ist nicht mein Ebenbild, so wie du es bist. So wie du es warst.

Haltlos fange ich an zu schluchzen und lasse zu das Chris mich an sich zieht und mir über den Rücken streicht.

„Sie fehlt mir so unglaublich.“ Presse ich erstickt hervor.

„Ich weiß. Sie fehlt uns allen.“ Auch seine Stimme klingt gepresst.

Wortlos mache ich mich von ihm los. Er hat ja keine Ahnung. Er weiß nicht wie es ist wenn plötzlich ein Stück deiner Seele fehlt. Er spürt nicht den unsagbaren Schmerz und die eiskalte Leere die mich in ihrem festen Griff hält. Keiner weiß das. Es ist bestimmt nicht fair von mir so zu denken. Zu behaupten das es mir schlechter geht. Ich weiß du fehlst ihnen. Ich weiß sie haben dich geliebt, Papa Mama und Chris. Trotzdem verstehen sie es nicht. Wie könnten sie auch? Du warst vor ihnen da. Ich war vor ihnen da. Mit dir habe ich schon Zeit verbracht bevor wir überhaupt geboren wurden. Nike war mein erstes Wort. Nein, das kann er nicht verstehen. Wir sind eine Seele in zwei Körpern. Ich musste dich nur anschauen und wusste meistens was du denkst. Gegen uns kam keiner an. Immer unzertrennlich.

„Du verstehst das nicht.“ Murmle ich und verkrampfe unbewusst die Hände.

„Lena, sie war auch meine Schwester.“ Chris klingt jetzt eindeutig verletzt. Ich will ihm nicht wehtun. Aber er versteht es nicht. Er versteht mich nicht. Du hättest mich verstanden.

„Das ist etwas anderes.“ Ich drehe mich wieder um. Starre aus dem Fenster in die Nacht. Ich höre wie Chris kurz schnaubt und dann die Tür mit einem leisen Klick hinter sich zu zieht.

Ich bin wieder alleine.

Automatisch greife ich nach der Fernbedienung und starte die Stereoanlage. Wieder Bill. Wieder mit Tom. Und wieder laufen die Tränen. „…die Schatten wolln mich holen, doch wenn wir gehen dann gehen wir nur zu zweit“

Gequält schluchze ich auf. Warum hast du mich alleine gelassen? Komm zurück. Doch mein Flehen wird nicht erhört. Wird es nie. Obwohl ich jede Nacht hier stehe. Ich bleibe allein. Seit 37 Tagen allein. Allein und leer.

 

 

„Lena steh auf.“ Klingt es fröhlich in meinen Ohren. „Mach schon. Du kommst sonst noch zu spät“ Mit einem Ruck wird mir die Bettdecke entrissen und ich ziehe schützend die Beine an. Wie kann man am frühen morgen nur schon so fröhlich sein? Müde hebe ich ein Auge. Du stehst vor mir. Schon komplett angezogen. „Mensch Nike lass mich in Ruhe.“ Fauche ich und drehe mich um.
„Lena steh endlich auf.“ Nike du wiederholst dich. Lass mich doch einfach in Ruhe. Ich will doch nur schlafen.
„Ich geh heute nicht in die Schule.“ Grummle ich vor mich hin.
„Meinst du das ernst? Das kannst du doch nicht machen. Nicht schon wieder.“ Ich höre die Enttäuschung über meine Einstellung aus deiner Stimme. Aber ich will heute wirklich nicht.
„Ich gehe nicht und damit basta.“ Wütend setzte ich mich auf und funkle dich an.
„Lena das geht nicht.“ Jetzt hab ich aber die Schnauze voll.
„Es geht dich nichts an was ich mache. Du bist nicht meine Mutter. Lass mich in Ruhe und hör auf mich zu bevormunden.“ Ich knurre dich regelrecht an. Aber wer kann es mir verübeln. Am frühen Morgen.
„Ich werde dich nicht decken. Dieses Mal nicht und überhaupt nicht mehr. Mach doch was du willst.“ Erwiderst du mir tonlos, aber nicht ohne mich enttäuscht anzuschauen.
„Mach ich auch.“
„Schön.“
„Gut“
„Ich hoffe du wirst erwischt.“ Murmelst du bevor du dir deinen Rucksack schnappst.
„Sollen sie doch. Es reicht wenn sie eine perfekte Tochter haben, oder?“
„Du bist unausstehlich, Lena.“
„Und du kannst mich mal.“ Okay das war nicht die feine englische Art.
„Du mich auch.“ Schreist du bevor du die Tür hinter dir zu schlägst.
Na super. Verärgert ziehe ich mir die Decke wieder über den Körper und bin nach kurzer Zeit eingeschlafen.
Das Telefon weckt mich. Hmpf ich hasse das. Verschlafen greife ich nach dem Hörer der von gestern Abend noch neben dem Bett liegt.
„Lena Stern.“ Krächze ich in den Hörer
„Fräulein Stern? Hier ist das städtische Krankenhaus. Mein Name ist Dr. Merz. Es geht um ihre Schwester.“ Eine männliche Stimme dringt mir entgegen. Er klingt völlig emotionslos.
„Nike! Was ist passiert?“ Ich bin geschockt und ein ungutes Gefühl macht sich in mir breit.
„Ihre Schwester hatte einen Unfall. Wir haben getan was wir konnten. Doch die inneren Verletzungen sind sehr schwer. Sie liegt jetzt auf der Intensivstation und die Chancen stehen sehr schlecht. Es wäre besser wenn sie her kommen würden. Ihre Eltern sind bereits informiert.“
„Ja.“ Das ist alles was ich noch heraus bekomme bevor ich das Telefon fallen lasse.

 

Du hast den Unfall nicht überlebt. Wenige Stunden später bist du gestorben. Du bist gegangen und hast mich alleine gelassen. Und das letzte Mal als wir uns gesehen haben, haben wir uns gestritten. Es tut mir so leid. Du weißt nicht wie sehr. Hätte ich das gewusst. Ich habe das nicht so gemeint. Die Selbstvorwürfe quälen mich. Lassen mich nachts nicht schlafen. Kraftlos sinke ich auf den Boden, vergrabe das Gesicht in den Händen.

„Nike“ schluchze ich vor mich hin.

 

 

„Lena…Lena…Lena wach auf!“ Ich schlage die Augen auf und blicke direkt in dein besorgtes Gesicht.

„Lena ist alles in Ordnung? Du hast geweint. Geht es dir gut?“ Ich starre dich aus großen Augen an. Du lebst. Es war nur ein Traum. Überwältig vor Erleichterung werfe ich mich in deine Arme und drücke dich an mich. Ich weine, aber dieses Mal vor Glück. Du bist noch hier, bei mir.

„Nike versprich mir dass wir nie im Streit auseinander gehen. Versprich es, hörst du.“ murmle ich in dein Tshirt.

Ich merke wie verwirrt du bist, aber du hast den drängenden Unterton in meiner Stimme erkannt.

„Ja natürlich, ich verspreche es.“ murmelst du an meinem Hals. Zufrieden seufze ich auf. Es war nur ein Traum.

 

„Du bist alles was ich bin, und alles was durch meine Adern fließt. Immer werden wir uns tragen, egal wo hin wir fallen, egal wie tief.

Ich will da nicht allein sein, lass uns gemeinsam in die Nacht. Irgendwann wird es Zeit sein, lass uns gemeinsam in die Nacht.“

by Lena 21.06.2007